Poetenlohn

Als Wortschöpfer lebe ich zwar hauptsächlich von Luft und Liebe. Als Urheber muß ich dennoch hin und wieder um den gerechten Lohn für meine Dienstleistung streiten. Besonders gegenüber meinen orientalischen Gönnern.
Ich war von der Presseabteilung der persischen Botschaft zu einem Fernsehinterview eingeladen, in dem ich frank und frei meine Meinung zum Dialog der Kulturen sagen konnte. Als ich nach getaner Arbeit in aller Bescheidenheit nach meinen Fahrtkosten und meinem Honorar fragte, hatte man für meine Bitte sofort Verständnis und drückte mir einen Teppich unter den Arm. Den hab ich dann mit aller Mühe mit nach Hause geschleppt. Da ich mit einem Teppich aber weder meine Miete bezahlen noch meine Kinder satt machen kann, bin ich am nächsten Tag in den Freihafen gegangen und habe dort bei einem Teppichhändler mein kostbares Stück weit unter Wert verkauft.
Ein anderes Mal bestellte eine saudische Presseagentur bei mir einen Kommentar zur Nobelpreisverleihung an Günter Grass. Ich war froh, daß auf diese Weise auch ein Brosamen für mich abfiel, und lieferte meine Arbeit postwendend beim Auftraggeber ab. Meine Kontonummer vermerkte ich auf dem Anschreiben. Doch statt der erbeten Überweisung bekam ich ein Päckchen. Inhalt: ein goldner Löffel.
Geldhungrig, wie ich war, lief ich zum Juwelier gegenüber und bot ihm mein fürstliches Geschenk an. Der Juwelier schaute abwechselnd mich oder den Löffel an. Sein Blick fiel auf das eingravierte Zeichen, zwei gekreuzte Klingen, das Staatswappen des saudischen Königshauses. Wo haben Sie das her? fragte er mich.
Das habe ich geschenkt bekommen.
Er schüttelte den Kopf. Die Saudis verschenken grundsätzlich nichts. Doch, doch, widersprach ich.
Das dürfen Sie der Polizei erzählen! Diebesgut nehme ich nicht an! Sprach es und wies mich grußlos zur Tür hinaus. Ich berichtete meine Erfahrungen Imam Razvi. Der lachte nur und erzählte mir zum Trost die Geschichte von dem persischen Poeten Urfi, der gegen Ende des 16. Jahrhunderts an den Hof des Moghuikaisers Akhbar des Großen in Lahore gerufen wurde. Der Kaiser war von Urfis Wortkünsten so begeistert, daß er ihn auf der Stelle mit einem seiner prächtigsten Elefanten beschenkte.
Hoch auf seinem Prunkelefantenthron ritt Urfi vom kaiserlichen Hof. Doch kaum hatte der Dichter die Mauern der Kaiserstadt verlassen, begann der Elefant unruhig zu werden. Er hatte Hunger, und Urfi wußte nicht, was er ihm zu fressen geben sollte. Da er keinen Pfennig Geld bei sich hatte, verkaufte er im nächsten Dorf seinen prachtvollen Sattel und kaufte dafür Heu und Stroh für den Elefanten. Doch das Futter war nach drei Tagen aufgebraucht, und Urfi hatte keinen Pfennig in der Tasche, um sich etwas zum Essen zu kaufen. Sein sozialer Abstieg war dank des großherzigen Geschenks vorgezeichnet. Er zog samt seinem Elefanten als Bettler durch ganz Indien und reifte auf dieser Reise zu sich selbst zu einem der großen Dichter der indomuslimischen Mystik.

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