Ahmed, der älteste Sohn tunesischer Einwanderer, besucht den katholischen Kindergarten der St. Ansgar-Gemeinde. Er ist das einzige muslimische Kind in seiner Gruppe, aber er hat darunter nicht zu leiden. Im Gegenteil: Er ist sogar ein wenig stolz auf seine Sonderrolle und wird darin auch von den meisten Kindern und ihren Eltern akzeptiert. Gern spielt er darum das Frage- und Ratespiel: Was seid Ihr?
In diesen Tagen traf ich Ahmed wieder einmal mit seiner Mutter an der Bushaltestelle, als sie ihn mittags aus dem Kindergarten abgeholt hatte. Der Bus hatte Verspätung, und immer mehr Leute sammelten sich an der Haltestelle. Der kecke Junge nutzte die Gunst der Stunde und begann sein peinliches Verhör. Was seid Ihr? fragte er die Leute. Die Angesprochenen schüttelten den Kopf. Sie wußten nicht, was sie auf eine solche Frage antworten sollten.
Ahmed wiederholte seine Frage. Einige lächelten, andere schauten ein wenig verlegen zur Seite.
Was meist Du? fragte eine alte Frau zurück.
Ahmed antwortete klar heraus: Ich bin Muslim. Seid Ihr auch Muslime?
Nein! antworteten die Leute, soweit sie sich angesprochen fühlten.
Seid Ihr Christen? hakte Ahmed nach.
Keiner der Angesprochenen wagte es, sich öffentlich zum Christentum zu bekennen.
Was seid Ihr denn? fragte Ahmed die Leute zum dritten Mal.
Menschen, sagte ein freundlicher junger Mann, der neu dazu gekommen war. Menschen wie Du und ich.
Doch von solcher Menschheits verbrüderung wollte Ahmed nichts wissen. Nöö, protestierte er mit aller Entschiedenheit, Ihr seid Affen ...
Seine Mutter hielt ihm erschrocken die Hand vor den Mund, aber der junge Mann hatte offenkundig Sinn für Spaß, zumindest für Spaß aus Kindermund. Er fragte Ahmed lachend: Und wie kommst Du darauf?
Ja, sagte Ahmed, das hat uns die Kindergartenmutti gesagt: So sind die Affen. Hände vor die Augen. Hände vor die Ohren. Nichts sehen, nichts hören, nichts glauben.
Endlich kam der verspätete Bus. Die Leute drängten hinein, und eilig schob die Mutter ihren vorlauten Sohn in die letzte Reihe.
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