Die Wünschelrutengänger

Es war einmal - hinter Bremen, dort wo die Bremer Stadtmusikanten zuhause waren - ein versprengtes Häuflein aufrechter Antifaschisten. Ihnen war mit dem plötzlichen Fall des Antifaschistischen Schutzwalls nicht nur das Hinterland, sondern auch ein realexistierendes Feindbild abhanden gekommen.
Da war guter Rat teuer. Ein Feind muß her, ein leibhaftiger Faschist! rief der Fähnleinführer. Notfalls müssen wir einen Fascho ausgraben! Und so geschah es. In einer wochenlangen Kampagne stocherten sie mit vereinten Kräften im Moor zwischen Asendorf und Bruchhausen-Vilsen herum, ohne auch nur die Spur einer braunen Moorleiche an den Tag zu fördern. Doch die aufrechten Antifa-Streiter ließen sich nicht von ihrem vorgegebenen Ziel abbringen. Sie beauftragten schließlich einen bewährten Wünschelrutengänger und schickten ihn ins Gelände, um verborgene faschistische Strukturen ausfindig zu machen. Der Feldjäger wurde schon nach kurzer Zeit fündig: er stieß auf ein unterirdisches weitverzweigtes Netzwerk, das bereits bis nach Bonn und Berlin Fühler ausgestreckt hatte. Nach weiteren intensiven Suchaktionen mit Hilfe hochsensibler Antifa-Sensoren wurde endlich auch der Drahtzieher des ganzen Netzes ausgemacht. Der Pendel des Rutengängers schlug ausgerechnet vor dem Hauseingang eines ortsansässigen Verlegers aus, der seit über drei Jahrzehnten eine Kulturzeitschrift mit dem Tarnnamen „MUT" herausgab.
Wir haben ihn! rief triumphierend der Mann mit der Rute.
Aber wir haben ihn noch nicht überführt, gab einer der Kameraden zu bedenken, wir brauchen Beweise. Der Mann kommt aus Schlesien! wußte einer.
Der Wünschelrutengänger antwortete: Also ist er ein Revanchist. Mit achtzehn Jahren hat er die DDR-Fahne vom Mast heruntergerissen, berichtete ein anderer. Also, bestätigte der Rutenmann, ist er ein Anti-kommunist.
Seine Kinder sind blond und haben blaue Augen, gab ein dritter zu bedenken. Also, entschied der Fähnleinführer, ist der Mann ein Rassist. Revanchismus, Antikommunismus, Rassismus: das sind die Grundelemente des Faschismus. Der Mann ist eindeutig überführt.
Das Tribunal konnte beginnen. Abrakadabra-Anti-fa! riefen die, die sich selber „kritische Nachbarn" nannten. Komm hervor, Du braunes Gespenst, komm heraus aus Deinen Löchern, brauner Buhmann! Doch kein Gespenst erschien auf der schwach beleuchteten Provinzbühne. Aber das konnte die antifaschistischen Gespensterbeschwörer von Asendorf nicht davon abhalten, ihr Volksgerichtsurteil noch am selben Abend vor Ort zu verkünden. Sie entzündeten ein gespensterbannendes Lagerfeuer, bliesen ihre markigen Antifa-Fanfaren in den Abendwind und schritten dann mit erhobenen Fäusten zur feierlichen Urteilsverkündung vor das Haus des Verlegers. Der Wünschelrutengänger erhob feierlich seine Stimme: „Im Namen des Volkes wird entschieden. Erstens: Der Herausgeber dieser Zeitschrift ist ein gefährliches faschistoides Subjekt mit geheimen Querverbindungen bis in allerhöchste Regierungskreise. Zweitens: Die Zeitschrift MUT wird ab sofort auf den antifaschistischen Index verbotener und jugendgefährdender Schriften gesetzt. Drittens: Wir verhängen mit Wirkung vom Morgen an ein umfassendes Handelsembargo über alle Produkte, die auf dem braunen Untergrund von Asendorf und Umgebung gedeihen. Wir fordern alle Antifaschisten auf, keinen Spargel, keine Äpfel, keine Kartoffeln, keine Zeitschriften und keine Bücher aus Asendorf zu beziehen. Wer gegen diesen Boykottbeschluß verstößt, den werden wir selber als Förderer des braunen Netzwerks anprangern."
Nach der Urteilsverkündung zerstreute sich das Häuflein der aufrechten Antifaschisten in alle vier Winde.

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