Die langen Beine der Wahrheit

Seit Jahrtausenden schon gehen Lüge und Wahrheit nebeneinander her. Und oft geraten sie in einen erbitterten Streit darüber, wer von ihnen stärker ist, wichtiger und klüger. Die Lüge sagt, ich bin es. Die Wahrheit sagt, ich - so wahr mir Gott helfe.
Nach endlosen Auseinandersetzungen beschlossen Lüge und Wahrheit, durch dieWelt zu ziehen und die Menschen zu befragen. Die Lüge eilte voraus auf ihren kurzen Beinen, sie lugte in jede Spalte, roch in jedes Loch hinein und stöberte in jedem Winkel. Die Wahrheit schritt auf ihren langen Beinen mit stolz erhobenem Haupt die geraden Straßen entlang und schaute voller Verachtung auf das Lügengesindel zu ihren Füßen herab. Die Lüge lachte unentwegt, die Wahrheit kam mit todernster Miene daher.
Durch die halbe Welt waren sie gezogen. Sie hatten unzählige Interviews gegeben, und sie hatten auf den Plätzen der Weltstädte große Umfragen veranstaltet. Immer wieder hatten sie sich unter das Volk gemischt. Die Reaktionen der Menschen waren nahezu gleich. Dort wo die Lüge auf den Plan trat, fühlten sich die Leute freier und leichter. Sie sahen sich lachend in die Augen, obwohl sie sich im selben Augenblick belogen und betrogen. Und sie wußten, daß sie einander nicht die Wahrheit sagten. Aber trotzdem stand ihnen die Fröhlichkeit ins Gesicht geschrieben.
Doch wenn die Wahrheit auftauchte, verdunkelten sich die Gesichter der Menschen. Sie schauten aneinander vorbei und senkten ihren Blick. Manche griffen sogar zu den Waffen, die sie bei sich trugen. Im Namen der Wahrheit schlugen sie auf den Bruder, den Nachbarn oder den Fremden ein, sie zettelten Kriege an und stürzten die halbe Menschheit ins Unglück -alles um der Wahrheit willen.
Deshalb wurde die Lüge von vielen Menschen angefleht: Bitte, verlaß uns nicht! Du bist unser bester Freund, mit Dir ist das Leben angenehmer und freundlicher. Du aber, Wahrheit, bringst uns nur Unheil. Bitte, laß uns in Ruhe und verschwinde, von wo Du gekommen bist!
Da triumphierte die Lüge über die Wahrheit: Na siehst Du, wer stärker ist. Die meisten Menschen finden mich bedeutend sympathischer als Dich.
Die Wahrheit gab sich so rasch nicht geschlagen. Bisher, sagte sie zur Lüge, sind wir nur durch die weiten Ebenen gegangen. Laß uns über die Berge steigen, laß uns hinaufsteigen zu den Gipfeln! Fragen wir die reinen und frischen Quellen, die zu Füßen der Gletscher entspringen, die blauen Blumen, die auf den Almen wachsen, den ewigen Schnee, der unberührt geblieben ist vom Treiben der Menschen!
Nein, so hoch hinaus will ich nicht! wehrte die Lüge ab. Hast Du etwa Angst davor, schwindelig zu werden? Ein bißchen, gestand die Lüge. Ich mach Dir einen Kompromißvorschlag. Ich bin bereit, mit Dir auf die Berge zu klettern. Aber ich will dort nicht die Blumen und den Schnee befragen, sondern einen weisen Menschen.
Wen schlägst Du vor?
Den Dalai Lama, hoch über Tibets Bergen!
Die Wahrheit war einverstanden, und so machten sich die beiden feindlichen Schwestern von Indien aus auf den Weg hinauf zu den schwindelnden Höhen des Himalaya.
Doch je höher sie kletterten, desto mehr ließen die Kräfte der Lüge nach. Mein Himmelreich, stöhnte sie, ist weiter unten, mitten unter den Menschen.
Der langbeinigen Wahrheit erging es umgekehrt. Je dünner die Luft wurde, desto wohler und stärker fühlte sie sich. Als ihnen der Gipfel des Nanga Parbat schon zum Greifen nahe gekommen war, erbarmte sich die Wahrheit der völlig entkräfteten Lüge und nahm sie auf die Schulter. Ihr dämmerte plötzlich die Erkenntnis: Was wäre ich ohne die Lüge? Niemand wäre mehr fähig, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden!
Doch kurz bevor sie den Scheitel des Himalaya erreichten, wurden die Bergsteiger von einem mächtigen Schneesturm überfallen. Auch die Wahrheit war nicht mehr stark genug, um sich den Naturgewalten zu widersetzen. Sie ließ die Lüge fallen, und die Lüge kroch auf ihren kurzen Beinen mit letzter Kraft unter ein schützendes Dach. Es war die Berghütte, die Sal-man Rushdie zu Füßen des Nangat Parbat gebaut hatte, um sich vor seinen iranischen Rächern in Sicherheit zu bringen.
Auch die Wahrheit wurde auf wundersame Weise gerettet. Engel kamen aus allen Himmelsrichtungen herbeigeflogen und trugen sie auf ihren breiten Flügeln sicher über die höchsten Gipfel.
So trennten sich die Wege von Wahrheit und Lüge. Die Wahrheit zog es vor, über den Wolken zu schweben, während die Lüge die nächstbeste Wetterbesserung nutzte, um rasch in die Täler hinabzusteigen und wie gewohnt in den Häusern der Menschen ein- und auszugehen.


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